Die Reise dauerte lang, aber schon nach dem ersten Halt bei einer Reiherkolonie in Casalbeltrame, waren alle überzeugt, dass es die Mühe wert gewesen war. Roberto Lardelli, Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach, der das Gebiet der Reisfelder im Piemont seit Jahren beobachtet und mit einheimischen Ornitologen in Kontakt ist, führte uns an die spektakulärsten Orte in der Gegend. Sergio Lanfranchi, unser Lieblingschauffeur, fuhr den grossen Car mit sicherer Hand auf Wegen zwischen den Reisfeldern, die nur um weniges breiter waren als der Bus, hielt bei jeder besonderen Sichtung an und kriegte jede noch so enge Kurve, auch wenn einige den Atem anhielten und die Augen schlossen.

In der Gegend um Vercelli wird schon seit Jahrhunderten Reis angebaut, früher von Hand mit Hunderten von Arbeitern, die mit ihren Familien auf den riesigen Cascinas wohnten und eine Art Dorfgemeinschaft bildeten, heute mit ausgeklügelten Maschinen und moderner Tecknik, die eigens für den Reisanbau in Italien gebaut wurden. Einiges über den Reisanbau, über Ökologie und Umweltschutz, über Politik, Geschichte und Biodiversität erfuhren wir bei einem Besuch mit Führung in der Cascina Oschiena, deren Besitzer mit ihren hohen Idealen, die leider aber keine staatliche Unterstützung generieren, einen grossen Beitrag leisten zur Erhaltung von Lebensräumen und Unterstützung von seltenen Vogelarten, allen voran die Uferschnepfe, welche in ihren Reisfeldern brütet. Die von ihr gewählten Plätze werden nicht bewirtschaftet, um sie bei ihrem Brutgeschäft nicht zu stören. Wir konnten Uferschnepfen und Pfuhlschnepfen eindrücklich bei Nahrungssuche und Flugkünsten beobachten. Viele Kiebitze und Stelzenläufer halten sich in den Reisfeldern auf, finden dort ihre Nahrung und Plätze, um zu brüten und ihre Jungen aufzuziehen.

Ausserordentlich beeindruckt waren wir von den riesigen Reiherkolonien. So etwas hatten wenige von uns schon gesehen. In den Bäumen nisten Dutzende, an andern Orten Hunderte von verschiedensten Reihern bunt gemischt. Da sieht man die reizenden Kuhreiher mit ihren orange-braunen Köpfen, die eleganten Graureiher, die zierlichen Seidenreiher, die dunklen Nachtreiher mit ihren roten Augen, auch Silberreiher und Rallenreiher neben-, über- und untereinander in den hohen Bäumen. Man kann sie fliegend beobachten und sich Merkmale gut einprägen, keiner muss sie suchen, denn sie sind überall. Etwas ganz Besonderes für uns Alpenbewohner sind die Heiligen Ibisse, deren es fast schon zu viele hat und die dunkel gefärbten Sichler, alles im Überfluss.

Bei einem Kernkraftwerk, das nie in Betrieb gewesen ist, hat sich ein eigenes Biotop gebildet mit Hunderten von Reihern und Ibissen. Wir konnten die Schönheit der Purpurreiher und sogar eine Rohrdommel beobachten.

Die unermüdlich kurvenden Trauerseeschwalben verzauberten alle Beobachter, Dutzende fliegende Blässhühner zogen die Aufmerksamkeit auf sich und überall konnte man auch muntere Jungvögel finden.

Einen Höhepunkt bildete die Sichtung von Weissflügelseeschwalben, die zwar in der Gegend erwartet werden, deren Entdeckung aber doch nicht selbstverständlich ist.

Zu guter Letzt präsentierten sich zwei Bienenfresser auf eindrückliche Art, so dass Sergio den Car kurzerhand am Rand eines Kreisverkehrs abstellte, um uns das Vergnügen der Beobachtung zu ermöglichen. Zu seiner Entlastung ist zu sagen, dass es sich um eine absolute Nebenstrasse handelte. Dass auch gerade ein Baumfalke über uns hinwegflog, war eine Zugabe.

Es war eine Reise der Superlative. Sogar das Wetter hat uns unterstützt. Dass die Teilnehmenden einfach zurücklehnen und geniessen konnten, ist der Organisation und kompetenten Leitung von Stefi Linder, Silvio Castelli, Roberto, Lardelli, Christoph Meier-Zwicky und Sergio Lanfranchi zu verdanken. Es ist ein Vorrecht, mit so autorisierten Fachpersonen unterwegs zu sein. Danke!

Artenliste

Amsel, Bachstelze, Bergstelze, Blässhuhn, Bienenfresser, Brauner Sichler, Bruchwasserläufer, Buchfink, Distelfink, Dorngrasmücke, Drosselrohrsänger, Elster, Flussregenpfeifer, Feldsperling, Flussseeschwalbe, Graureiher, Haubentaucher, Heiliger Ibis, Hausrotschwanz, Haussperling, Italiensperling, Kiebitz, Kormoran, Kranich, Kuckuck, Kuhreiher, Lachmöwe, Mauersegler, Mäusebussard, Mehlschwalbe, Mönchsgrasmücke, Nachtigall, Nachtreiher, Pfuhlschnepfe, Purpurreiher, Nebelkrähe, Rauchschwalbe, Rallenreiher, Ringeltaube, Rohrdommel, Rohrweihe, Rotschenkel, Schafstelze, Seidenreiher, Star, Stelzenläufer, Stockente, Strassentaube, Sumpfrohrsänger, Teichhuhn, Tafelente, Trauerseeschwalbe, Türkentaube, Turmfalke, Turteltaube, Uferschnepfe, Weissflügelseeschwalbe - 57 Arten total. Dazu kommen noch Sumpfbiber und Kaninchen.